[Diese Seite ist Teil der Homepage www.bilderbein.de]
 
Aus meinem Bücherregal

Gab es einmal zwei deutsche Bahnunternehmen?


Wenn ich mit der Eisenbahn unterwegs bin, dann schaue ich gerne nach draußen und genieße die an mir vorbeiziehende Landschaft.

Natürlich liebe ich es, am offenen Fenster zu stehen, aber dies ist häufig nicht mehr möglich.

Trotzdem genieße ich den Blick aus dem Fenster, bin fasziniert von Weichenstraßen und Signalfeldern, von Bahnhöfen und Stellwerken, vom vorbeiziehenden Wald und Feld.

Und manchmal lese ich während der Fahrt. Nicht immer habe ich selbst Lesestoff dabei, ich bediene mich auch an den Dingen, die im Zug ausliegen.

Zu den Materialien, die im Zug ausliegen (und die sogar kostenlos mitgenommen werden dürfen), gehört das Kundenmagazin der Deutschen Bahn AG, DB mobil.

Es beinhaltet natürlich jede Menge Werbung für die verschiedenen Sparten diesen großen Eisenbahnkonzerns, ist im Wesentlichen aber wie eine gewöhnliche Zeitschrift aus dem Bereich der Unterhaltung aufgemacht:

Das Magazin beinhaltet immer einen großen Leitartikel, meist das Portrait eines Prominenten, daneben verschiedene Artikel zu Literatur, zu Lebenskunst, zu Reisezielen und Tipps zum Ausgehen. Die Texte sind locker geschrieben, quasi stromlinienförmig ohne viele Ecken und Kanten, über die man nachdenken müsste und an denen man sich stoßen könnte. Und auch eine Kinderseite ist in dem Blatt enthalten. Sie umfasst Rätsel und Denksport sowie Wissenswertes aus der Welt der Eisenbahn.

Die Ausgabe 10/2015 widmte sich ganz dem Thema "Deutsche Einheit". Immerhin war im 3. Oktober 2015 die Deutsche Einheit gerade 25 Jahre
vollzogen, die Bundesrepublik Deutschland hatte also ein rundes Jubiläum zu feiern.

Auch bei dem Thema Politik, das sonst selten seinen Weg in diese Publikation findet, blieb das Heft seinem Stil treu und widmete seinen Titel einem Prominenten: Es war Thomas Gottschalk, der sich über die Deutsche Einheit auslassen durfte.

Auf einer schwarz-rot-goldenen Sitzgarnitur plauderte mit Rüdiger Grube, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, über seine Sicht auf Deutschland, über seinen Lebensweg, seine Erfahrungen und seine Einschätzungen darüber, wie Deutschland international wahrgenommen wird.

Auch eine Doppelseite mit bunten Landkarten hatten die Redakteure des Magazins zur Deutschen Einheit zusammengestellt. Sie zeigten, wie die Bundesrepublik Deutschland in zwei Hälften geteilt wird, die nicht "Ost" und "West" heißen, sondern sich aus ganz anderen Kriterien ergeben, z.B. dem sogenannten Weißwurstäquator.

Auf diese Weise konnte der Kunde der Deutschen Bahn AG in diesem Heft sogar anschaulich gezeigt bekommen, daß das unterschiedliche Wetter in den verschiedenen Regionen Deutschlands sich exakt an den Grenzen der Bundesländer ausrichtet.

Besonders bemerkenswert aber war für mich die Kinderseite dieser Ausgabe der Zeitschrift. Denn hier war auch in dieser Ausgabe ein erklärender Text zu einem Thema aus dem Bereich der Eisenbahn: Es wurde die Frage gestellt und beantwortet "Warum gab es einmal zwei deutsche Eisenbahnunternehmen?".

Bei dieser Frage muß ich mich unwillkürlich fragen: Was ist damit gemeint? Meint der Autor, es hätte einmal nur zwei deutsche Eisenbahnunternehmen gegeben, also nicht mehr als zwei? Oder meint er, es hätte sogar zwei deutsche Eisenbahnunternehmen gegeben, also mehr als eines? Oder ist er gar der Meinung, es hätte zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit einmal exakt zwei deutsche Eisenbahnunternehmen gegeben?

Selbst derjenige, der wenig mit der Eisenbahn fährt, muß sich nur einmal mit offenen Augen auf einem großen Bahnhof umsehen, um zu erkennen, daß es heutzutage eine Vielzahl deutscher Eisenbahnunternehmen gibt. In unterschiedlichen Farben und mit unterschiedlichen Firmennamen führen diverse Zugverbindungen von den großen Hauptbahnhöfen ins Umland. Diese verschiedenen deutschen Eisenbahnunternehmen sind hauptsächlich in der Folge der Bahnreform entstanden.

Nicht ganz so offensichtlich für den Laien erkennbar ist, daß es auch verschiedene deutsche Unternehmen gibt, die Schienennetz bauen, unterhalten und betreiben. In Norddeutschland gibt es beispielsweise die AKN (Altona-Kaltenkirchen-Neumünster-Bahn), die ein eigenes Schienennetz unterhält und darauf Personenverkehr betreibt. Solche deutschen Eisenbahnunternehmen mit eigener Infrastruktur gab es bereits vor der Bahnreform und auch vor der Deutschen Einheit. Manche deutsche Eisenbahnunternehmen mit eigener Infrastruktur blicken auf eine lange Firmengeschichte zurück, die bis in die Kaiserzeit zurückreicht.

Was also kann der Fragesteller meinen, wenn er schreibt, daß es einmal zwei deutsche Eisenbahnunternehmen gegeben habe? Und wie würde man dies einem Kind (es handelt sich ja um die Kinderseite) erklären, das staunend vor den unterschiedlichen Triebfahrzeugen der heutzutage zahlreichen deutschen
Eisenbahnunternehmen steht und deren Namen vorliest? Oder wenn das Kind dann stolz erklärt, daß es die Namen von mindestens zwanzig deutschen Eisenbahnunternehmen auswendig aufsagen kann?

Doch der erklärende Text zu der Frage geht auf solche Fragen gar nicht ein. Bist auf die Deutsche Bahn AG ignoriert er sämtliche Eisenbahnunternehmen, die es in Deutschland gab und gibt. Völlig selbstverständlich geht der Artikel von einer Welt aus, in der als einziges deutsches Eisenbahnunternehmen die Deutsche Bahn AG existiert, und in der es früher nur die Deutsche Bundesbahn und die Deutsche Reichsbahn gab.

So ist das Heft 10/2015 der DB-Zeitschrift mobil ein exzellentes Beispiel dafür, wie in einer Kundenzeitschrift die Welt konzerngemäß dargestellt wird.

Immerhin ist die Kinderseite nicht etwa als Werbung betitelt, sondern als gewöhnlicher redaktioneller Inhalt. Und es ist eigentlich auch gar keine Werbung, die sich in diesem Text befindet, sondern das Verbiegen der Realität. Alles, was sich außerhalb des Konzerns befindet, existiert nicht, darf keinesfalls erwähnt werden, auch wenn dadurch Zahlen (wie hier die Zahl "zwei") zu bloßen Hirngespinsten werden, die keinerlei Realitätsbezug mehr haben.

Verwandte Themen: Ihr Reiseplan: IC 2217, HVV-Fahrplan 1978, Fahrkarten in Deutschland

Dieser Film ist bei dem Video-Dienst Youtube mit dem Code G1isOTxaBXw unter der Standard-Youtube-Lizenz verfügbar. Er kann also unverändert in Webseiten eingebettet werden, ähnlich wie er auf dieser Webseite eingebettet ist.

Zum Mitnehmen für das persönliche Betrachten unterwegs (also für die Offline-Wiedergabe, nicht zur Veröffentlichung) kann der Film hier auch als Video-Datei heruntergeladen werden:



— Webseite teilen oder weiterempfehlen — — Werbung ansehen —
facebookgoogle-plustwitterredditpinteresttumblrxinglinkedine-mail
— Link-Adresse kopieren —
— Diese Webseite diskutieren —
Diskutiere diesen Text auf Facebook
— Neuigkeiten abonnieren —
Auf Facebook folgenAuf Twitter folgen
 



[Abrufstatistik]  Nach oben  Homepage  Impressum & Copyright